He Elli, ich suche tagelang nach einem Kleid und finde nichts. Du schickst mir zwei Links – und beide passen. Wie geht das?
„Beide Kleider passen perfekt. Obwohl ich nur eines wollte, behalte ich nun beide. Wie machst du das? Ich gehe oft stunden- oder tagelang einkaufen und finde trotzdem kein passendes Kleid, das wirklich passt. Am Ende nehme ich meist irgendeines mit – entweder ein weiteres schwarzes Kleid oder etwas Neues, das möglicherweise ungetragen in meinem Schrank hängen bleibt.
Keines der beiden Kleider hätte ich mir selbst ausgesucht. Ich bin ehrlich erstaunt, wie gut ich mich in den Kleidern nun fühle. So gut, dass ich mich frage: Warum habe ich mich eigentlich all die Jahre versteckt?“
Warum ich Proportionen oft auf den ersten Blick erkenne
Mit 17 Jahren begann ich mit Aktzeichnen. Auch während meines Kunststudiums gehörte das Zeichnen des menschlichen Körpers weiterhin zu meiner künstlerischen Ausbildung. Viele Jahre lang habe ich also Menschen betrachtet, gezeichnet und beobachtet.
Dabei habe ich gelernt, nicht mehr einzelne Körperteile zu sehen, sondern die Gesamtwirkung von Formen, den Verlauf von Linien und die Beziehung von Proportionen zueinander. Dieser Blick begleitet mich bis heute. Deshalb brauche ich selten Zahlen, um Größenverhältnisse zu verstehen – ich sehe sie einfach.
Zudem habe ich an der Universität Schneiderei gelernt und selbst viele Kleidungsstücke genäht. Durch dieses Wissen über Schnitte, Formen und Materialien erkenne ich bei einem Kleid oft sehr schnell, wie es aufgebaut ist und ob dieser Aufbau mit dem Körper einer bestimmten Frau harmoniert.
Körper lassen sich nicht auf Zahlen reduzieren
Wenn ich eine Frau betrachte, denke ich nicht in Zentimetern und Kleidergrößen. Ich sehe Proportionen, Zusammenhänge und Linien. Und genau das prägt meine Arbeit bis heute. Es widerstrebt mir zutiefst, einen Körper auf Zahlen zu reduzieren. Denn sobald wir beginnen, Körper zu vermessen, entstehen fast automatisch Vergleiche: zu groß, zu klein, zu breit, zu schmal. Wir tragen Ideale in uns oder haben sie zumindest einmal gehört, gesehen oder von jemandem gesagt bekommen. Solche Kommentare können tief sitzen.
Deshalb möchte ich bewusst einen anderen Weg gehen und nicht schauen, ob ein Körper einer vermeintlichen Norm entspricht. Ich möchte den Blick vielmehr darauf lenken, was einen Körper einzigartig macht.
Manches darf einfach sichtbar werden – ohne verändert zu werden
In meinen Beratungen geht es nicht darum, Fehler zu finden. Es geht darum wahrzunehmen, was bereits da ist und gut ist, so wie es ist. Stil entsteht nicht dadurch, dass wir verstecken, was angeblich nicht richtig ist. Ich möchte den Fokus bewusst auf das Schöne lenken und nicht auf Zahlen und Vorstellungen davon, wie ein weiblicher Körper angeblich aussehen sollte.
Welche Stellen an deinem Körper magst du? Viele Frauen beantworten diese Frage zunächst zögerlich, andere ganz selbstverständlich. Genau an dieser Stelle beginnt oft etwas Wesentliches. Denn persönlicher Stil entsteht dort, wo wir beginnen wahrzunehmen, was wir mögen.

Kleidung kann den Blick lenken
Kleidung kann uns helfen, den Blick auf das zu lenken, was wir schön finden. Erst einmal für uns selbst. Und diese vermeintliche Kleinigkeit kann erstaunlich viel bewirken. Denn der tägliche Blick in den Spiegel erzählt uns jeden Tag eine Geschichte über uns selbst und darüber, was passt – oder eben nicht.
Farben, Schnitte, Schmuck oder Materialien helfen uns dabei, genau das sichtbar zu machen, was wir betonen möchten. Ein leuchtender Farbton zieht den Blick auf sich, eine besondere Kette lenkt ihn in dein Gesicht, eine Schnittlinie betont deine Formen und ein besonderes Material weckt Aufmerksamkeit.
All diese Dinge lenken den Blick nicht weg von etwas, sondern hin zu dem, was du magst. Deine Kleidung unterstützt dich dabei, zuerst einmal deinen eigenen Blick auf das zu richten, worüber du dich jeden Tag freuen kannst.
Kleidung berührt mehr als unseren Körper
Eine Stilberatung geht nahe. Sie berührt etwas sehr Persönliches – unseren Körper und all die Erfahrungen, die wir mit ihm gemacht haben, die Kommentare, die wir gehört haben, die Vergleiche, die wir gezogen haben und die Unsicherheiten, die vielleicht noch immer da sind. Oft tauchen diese Erinnerungen in einer Stilberatung wieder auf. Wir hören die Stimmen unserer Tante, unseres Ex-Freundes und unserer besten Freundin. Sie alle haben uns – meist ungefragt – ihre Meinung über unseren Körper und und unsere Kleidung mitgeteilt. Und schwups war sie weg die Freude über den neuen Rock, den wir so toll fanden, weil jemand meinte: Der trägt aber schon ganz schön auf.
Zunächst glauben viele Frauen, sie würden wegen eines Kleides, einer Farbe oder eines bestimmten Schnittes zur Stilberatung zu mir kommen. Doch im Laufe der Beratung geht es häufig um viel mehr. Kleidung berührt nämlich nicht nur unseren Körper, sondern auch unser Selbstbild.
Wie persönlicher Stil entsteht
Kleidung ist zunächst das zentrale Element einer Farb- und Stilberatung. Und auch hier begann alles mit der Suche nach einem passenden Kleid. Denn zusammen mit Gestik, Mimik und Ausstrahlung ist Kleidung das Erste, was wir an einem Menschen wahrnehmen. Doch es geht nicht nur darum, ein passendes Kleid zu finden. Es geht vielmehr darum, die Persönlichkeit eines Menschen sichtbar werden zu lassen und sich durch die Kleidung wohler zu fühlen.
Wenn Farben, Formen, Materialien und Schnitte mit dem übereinstimmen, was ein Mensch ausstrahlt und wie er sich selbst erlebt, entsteht etwas, das wir Stil nennen. Nicht weil sich der Mensch verändert hat, sondern weil sichtbar wird, was die ganze Zeit schon da war.
